Das Projekt

Wieso Hannibal?

Wieso sollte jemand eigentlich ausgerechnet im Hannibal Fandom forschen? Wer keinen Bezug zu Kulturwissenschaften hat, mag das vielleicht seltsam oder sogar verdächtig finden. Welche Motivation und Absicht könnte jemand haben?

Als ich 2017 zufällig auf das Hannibal Fandom stieß war mir das Phänomen von Fangemeinschaften zu Serien nicht wirklich bekannt. Ich hatte gerade die letzte Folge von Hannibal gesehen und war einfach nur traurig über das Finale. Ich wollte nicht glauben, dass die beiden gestorben sind, aber ich konnte auch keine Erklärung finden, wie sie überlebt haben könnten. Also ging ich online. Was ich fand war nicht nur die Meinung, dass die beiden überlebt haben, sondern auch ganze Geschichten darüber, wie genau. Von da ab war ich völlig im Bann der riesigen, komplexen Welt von Fan Fiction.

Etwa zweieinhalb Jahre später versuchte ich, ein Promotionsprojekt zum Thema Künstliche Intelligenz auf die Beine zu stellen. Wirklich voran kam ich dabei nicht. Aber las immer noch Fanfiction (und schrieb einige wenige selber) und hatte auch angefangen, wissenschaftliche Literatur darüber zu lesen. Obwohl schon einiges über Fanfiction und Fans in der Forschung geschrieben worden war ich nicht wirklich zufrieden mit dem, was ich fand. Ein Großteil der Forschung konzentriert sich auf Fan Fiction. Viele Wissenschaftler*innen sind selber Fans (sogenannte Aca-Fans) und analysieren die Fanarbeiten daher mit großem Hintergrundwissen und unter Berücksichtigung des Kontextes. Trotzdem sind Fan Fictions nur ein Teil der Fankultur, und darüber wollte ich mehr wissen.

Ich erfuhr dann von der Red Dragon Con 6 und kaufte spontan ein Ticket, obwohl mich persönlich die Schauspieler*innen nicht so sehr interessieren. Ich sah es mehr als eine Chance, Fans von Hannibal kennen zu lernen und zu verstehen, was sie eigentlich machen und warum (und natürlich auch, was mich daran eigentlich so fesselt). Erst dann wurde mir klar, dass ich die Möglichkeit hatte, meine private Neugier mit meinem wissenschaftlichen Werdegang zu verbinden. Ich brach mein bisheriges Promotionsprojekt zur KI ab und fing an, über Fankultur zu arbeiten.

Anfangs wollte ich über verschiedene Fandoms forschen. Mir wurde aber schnell bewusst, dass ich niemals die Zeit haben werde um in alle Fangemeinschaften so tief einzutauchen wie es nötig ist um dem Thema gerecht zu werden. Also entschied ich mich für ein einziges Fandom, und aus mehreren Gründen war das Hannibal. Erstens hatte mich die Serie ja überhaupt erst auf Fankultur aufmerksam gemacht. Ich kenne den Inhalt und viele Faninterpretationen. Zweitens finde ich es spannend, dass die Serie, im Gegensatz zu vielen anderen Serien mit einer aktiven Fangemeinschaft (z.B. Supernatural, Sabrina, Buffy oder Teen Wolf) nicht aus dem Fantasygenre kommt. Außerdem ist die Serie ab 18 und ich ging davon aus, dass ich deshalb vor allem erwachsene Fans treffen würde, da ich keine Interviews mit Minderjährigen durchführe.

books-1163695_1920
glasses-4704055_1280

Hintergrund

Mein Projekt ist in der empirischen Kulturwissenschaft angesiedelt, weil ich Fangemeinschaften als eigene Kultur verstehe. Der Begriff Kultur wird ja oft verwendet um auf die Wertigkeit von etwas hinzuweisen (meistens in Verbindung mit sogenannter Hochkultur wie Literatur oder klassische Musik) oder als Überbegriff für irgendwie alles. Was ich mit Kultur meine ist das, was Menschen in ihrem Alltag tun. Ich verstehe Kultur also als etwas, was kontinuierlich erzeugt wird und nicht als etwas, was feststeht und auf das man das Etikett „Kultur“ kleben kann. Daher stammt auch der Titel der Arbeit – Doing Fan Culture. Ich denke, dass man dadurch viel besser verstehen kann, was gleichbleibt und was sich verändert. Darin liegt meiner Ansicht nach die Stärke von Kulturwissenschaft, nämlich Gesellschaft nicht nur zu zeigen, wie sie ist, sondern wie sie sich verändert. Dadurch können beispielsweise soziale Schieflagen, aber auch die kreative Art und Weise wie Menschen damit umgehen, gezeigt werden.

Thema

Durch meine eigene Erfahrung mit Fankultur, durch die Lektüre von Arbeiten über Fankultur und durch Gespräche mit Fans haben sich zwei Schwerpunkte in meiner Arbeit herausgebildet, nämlich die Themen Emotion und Sexualität.

Durch Emotionen bin ich ja überhaupt erst auf die Fangemeinschaft gestoßen und natürlich deshalb neugierig. Es ist aber nicht Ziel der Arbeit, Emotionen einzuteilen oder über Gefühle zu urteilen. Ich werde garantiert niemanden psychoanalysieren. Ich möchte beschreibend arbeiten um die Schnittstelle von Kultur und Emotion zu verstehen. Und ich denke, dass Fangemeinschaften eine besonders gute Möglichkeit liefern, etwas dazu herauszufinden. Denn, zumindest soweit ich es bisher erfahren habe, in Fangemeinschaften werden Emotionen nicht nur explizit benannt, sondern auch reflektiert und diskutiert.

Wie beim Thema Emotionen habe ich auch zum Thema Sexualität die Beobachtung gemacht, dass es Thema in Fangemeinschaften ist. Mich interessiert daran, wie Fans Sex und Gender diskutieren und welche gesellschaftliche Bedeutung sie dabei erzeugen. Auch hier geht es mir nicht darum, zu beurteilen, sondern Kultur besser verstehen zu können.

journal-2850091_1280
glasses-4704055_1280

Methoden

Wissenschaft soll objektiv sein – und das stellt gerade interpretative Wissenschaften wie die Kulturwissenschaft vor ein Problem. Die Wahrnehmung jedes Menschen ist geformt durch verschiedenste Faktoren wie kulturelle und soziale Herkunft, Alter, Geschlecht oder biographische Erlebnisse. Um trotzdem Erkenntnisse über Kultur erlangen zu können die nicht willkürlich oder einseitig sind, verwenden Forscher*innen wissenschaftliche Methoden. Durch dieses systematische Vorgehen können andere das Ergebnis einer Forschung überprüfen.

Die teilnehmende Beobachtung ist ein gängiges Werkzeug der empirischen Kulturwissenschaft. Dahinter steht der Gedanke, dass Kultur nicht ausreichend über Texte, Bilder oder Gespräche verstanden werden kann, sondern Teilnahme, Interaktion benötigt. Das kann ebenso bedeuten, an einem Rewatch teilzunehmen wie eine eigene Fanfiction zu schreiben oder auf einer Convention Schlange zu stehen.

Interviews sind ein weiterer wichtiger Bestandteil des Arbeitens. Die Interviewpartner*innen erklären nicht nur, sie können auch auf Zusammenhänge hinweisen, die sich nicht direkt beobachten lassen (etwa biografische Erfahrungen). Sie sind nicht nur Expert*innen ihrer Kultur, sondern wissen auch reflexiv um ihr Handeln. Daher können sie Bedeutung und Erklärung ihres Handelns beschreiben.

Natürlich spielt auch Medienanalyse eine Rolle in meinem Projekt. Schließlich ist die Fangemeinschaft eine Fangemeinschaft zu einer Serie, und produziert selber unheimlich viele eigene Texte, Bilder und Videos.

Ethik & Umgang mit Daten

Dieses Projekt untersucht, wie Sexualität und Emotion in einem spezifischen kulturellen Setting verhandelt werden. Das sind sehr persönliche, private Themen. Deswegen verwende ich solche privaten Informationen nur, wenn ich eine informierte Einwilligung erhalte. Deswegen möchte ich betonen: Mir geht es nicht darum, Profile von Personen anzulegen oder Menschen und ihre Lebenswelt zu diskreditieren.

Ich arbeite nach den Richtlinien einer Prinzipienethik. Dabei orientiere ich mich an den Empfehlungen der Association of Internet Researchers und den mit Fans erarbeiteten Empfehlungen von Brianne Dym und Casey Fiesler.

Dinge, die öffentlich im Internet geteilt werden, können trotzdem als privat verstanden werden. Daher behandle ich sie auch als privat. Dies gilt insbesondere bei Informationen zu Sexualität, sexueller Orientierung und sexuellen Präferenzen, weil hier oft besondere Verletzlichkeiten vorliegen.

Ich notiere mir meine Eindrücke und Erfahrungen, Dinge, von denen ich denke, dass sie wichtig sein könnten um meine Fragen zu beantworten. Dabei geht es mir um die Situation und was sie bedeutet, nicht um die spezifische Person. Ich lege keine Profile einzelner Personen an und erstelle keine Screenshots oder Fotografien ohne Erlaubnis. Ich erhebe keine Kommunikationsdaten (z.B. IP-Adressen, Geräteinformation). Kontaktdaten (z.B. E-Mail, Telefonnummer) verwende ich ausschließlich zur Kommunikation und mit Erlaubnis verwendet. (Nick-)Namen notiere ich ausschließlich für meine Orientierung. Sie werden nicht Bestandteil irgendeiner Form von Publikation. Dritte haben keinen Zugang zu diesen Daten.

Interviews geschehen freiwillig und mit vorheriger informierter Einverständniserklärung. Welche Maßnahmen zur Anonymisierung dann getroffen werden – Verwendung eines Pseudonyms, Änderung bestimmter Merkmale die Rückschlüsse auf eine Person zulassen könnten (z.B. Wohnort, Beruf) – entscheidet die betreffende Person.

Das Nennen oder Zitieren von Blogs, Kommentaren, Tweets oder konkreten Fanarbeiten in einer publizierten Arbeit oder sonstigen öffentlichen Form geschieht ebenfalls nur mit informiertem Einverständnis.

Ich bemühe mich, stets als Forscherin kenntlich zu sein. Diese Homepage und die Informationen über meine Person sind Teil der Bemühungen, dies zu gewährleisten.

Doing Fan Culture

Ein Promotionsprojekt zu Fankultur, Emotion und Sexualität